Eros und Philosophie

Erotik der Philosophie oder Philosophie der Erotik?

Neue Routen nach Professor Pieper

Erotik, da knistert es – mindestens! Die Philosophie, eher spröde oder gar sinnenfeindlich? Diese Frage stellte Professor Hans-Joachim Pieper zu Beginn seines Vortrages.  Ha, von wegen! Der Zuhörer landete sofort im höchst privaten Boudoir, unmittelbar  einbezogen ins Plädoyer blanker Sinnlichkeit: das Leben ist Lust, und die Leidenschaft ist die Natur des Menschen, das Vergnügen der Sinne das Höchste; Ausleben der Sexualität in totaler Freiheit. Nur der (ver)bildete Zuhörer gerät in die Distanz, im Hinterkopf bei so geiler direkter Sprache noch zu registrieren, wer hat solche Worte  sich getraut zu äußern? Waren das diese Hedonisten oder….? Schon führte Prof. Pieper die gebannt lauschenden Hörer mittels der Sprachgewalt philosophischer Koryphäen hinein in den Diskurs der Antagonisten im Studierzimmer. Dort  werden auf einmal Bedenken laut und Einwände, Begriffe, die es neu zu überdenken gilt: Ehe, Ehre, Sex als Tauschobjekt für Versorgung, Treue, Würde des Menschen.  Die Spannung zwischen Konzession an den Naturtrieb und  den Konventionen gegen Willkür und Anarchie bleibt. Die Spannung für den Zuhörer erst recht. Aha! Die Bettlerin Penia hatte  die Trunkenheit von Poros, dem Gott  der Findigkeit, der Fülle und des Reichtums genutzt, um mittels des erstohlenen Beischlafs der Welt -  damit uns -  ein besonderes Kind zu schenken: Eros, den Rumtreiber und Zauberer,  den Bedürftigen und zugleich Göttlichen. Außer seinen Trieben der Natur  trägt er die Idee vom Schönen, Wahren, Guten in sich, strebt nach Wahrheit  und nach Weisheit; diese Sehnsucht spürt auch er als schönsten der menschlichen Triebe.

Unversehens ist der  Zuhörer mitgewandert in die Philosophie: ist doch der Philosoph der „Routenplaner“  zur Erkenntnis, der Erotiker der „Routenplaner“ für den Weg ins Glück. Beide enthalten Elemente von Freiheit und  Kreativität und -  von Lust, wenn auch unterschiedlicher Art. Beide, Erotik und Philosophie brauchen die Distanz, Bewusstsein seiner Selbst, radikale Fragen; beide brauchen den forschenden, den entlarvenden Blick.

Damit erlebt der Zuhörer selbst einen neuen Blick, “Erotik und Philosophie  haben viel miteinander zu tun“ und vieles gemeinsam. „Philosophie und Erotik gehören zum Wichtigsten und Besten, was es auf Erden gibt!“. So Prof. Pieper am 07.05.12 im Oxfordclub auf Einladung der Gesellschaft für internationalen Kulturaustausch (GIK).

Mitgerissen von der brillanten Rhetorik, vom ernsthaften Spiel mit Worten und Gegensätzen, vorgetragen mit Charme und  Charisma, gehen die Zuhörer über die ihnen aufgezeigte Brücke zwischen Erotik und Philosophie,  mit erweitertem Bewusstsein  und - mit Lust.

 

 

 Bericht und Fotos: Edeltraud Rädle/Dr. Gottfried Dietzel